Das jüdische Wohlfahrtszentrum in Neuehrenfeld

Jüdisches Wohlfahrtszentrum in Neuehrenfeld
Jüdisches Wohlfahrtszentrum in Neuehrenfeld

Wer in Neuehrenfeld unterwegs ist, sollte unbedingt einen Blick auf das jüdische Wohlfahrtszentrum in der Ottostraße 85 werfen. Nicht nur ist der Gebäudekomplex ein interessantes und gelungenes Beispiel für moderne Architektur, er kann auch auf eine wechselhafte Geschichte zurückblicken.

Diese Geschichte beginnt eigentlich schon in der Römerzeit, denn in Köln gab es die älteste jüdische Gemeinde Deutschlands. Das heutige Wohlfahrtszentrum hat seinen Ursprung in der Kölner Südstadt. Dort wurde 1869 in der Silvanstraße das Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache eröffnet. Es stand armen Menschen aller Konfessionen offen.

Als das Gebäude zu klein wurde, kaufte das Kuratorium im Jahr 1902 ein gut 21.000 Quadratmeter großes Gelände zwischen der Nußbaumerstraße und der Ottostraße in Neuehrenfeld. Hier wurde ein ganzer Komplex gebaut, darunter ein neues Haus für Alte und Kranke, ein Krankenhaus, ein Schwesternheim, eine Poliklinik und eine Synagoge. 1908 wurden die Gebäude im einfachen Barockstil fertiggestellt.

Der alte Teil des heutigen Jüdischen Wohlfahrtszentrums
Der alte Teil des heutigen Jüdischen Wohlfahrtszentrums

Die Klinik genoss großes Ansehen und war nicht selten zu 80 % mit nicht-jüdischen Patienten belegt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden dem Krankenhaus nur noch selten Patienten anderer Konfessionen zugewiesen. Neben den geringen Einnahmen durch die wenigen Patienten machte dem Personal auch die Beschaffung koscherer Nahrungsmitteln zu schaffen – sie mussten aus dem Ausland importiert werden.

1942 wurden große Teile Kölns von schweren Luftangriffen zerstört. Da auch das städtische Krankenhaus den Bomben zum Opfer fiel, beschlagnahmten die Behörden das israelitische Krankenhaus. Angestellte, Patienten und Bewohner wurden umgesiedelt. Viele starben durch die schlechtere Versorgung, andere wurden noch im selben Jahr nach Theresienstadt deportiert, wo viele im Konzentrationslager umkamen.

Nach dem Krieg, im Jahr 1945, wurden die übrig gebliebenen Gebäude der jüdischen Gemeinde zurückgegeben. Einige Gebäudeteile wurden wieder instandgesetzt und als Betraum, Büros für die Verwaltung und Asyl für jüdische Flüchtlinge genutzt. Nach dem Wiederaufbau der Synagoge in der Roonstraße lohnte sich ein zweites Gemeindezentrum nicht mehr, weil die Gemeinde zu klein war.

Die belgischen Truppen nutzen die Bauten als Militärkrankenhaus von 1959 an bis zu ihrem Abzug im Jahr 1995.

Mittlerweile war die jüdische Gemeinde in Köln wieder auf 2600 Mitglieder gewachsen und benötigte ein weiteres Gemeindezentrum. Außerdem war man besorgt, dass das historische Gebäude abgerissen werden würde. 1996 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. 1997 wurde nach zähen Verhandlungen zwischen der ebenfalls interessierten SKI (Standort Köln Immobilien GmbH) eine Einigung erzielt. Das Gelände wurde aufgeteilt – die SKI errichtete einen Wohnkomplex auf dem einen Teil und die jüdische Gemeinde erhielt den anderen Teil mit dem einzigen noch erhaltenen historischen Gebäude.

Der Neubau des Wohlfahrtszentrums, Architekten: Coersmeier und Jacoby
Der Neubau des Wohlfahrtszentrums, Architekten: Coersmeier und Jacoby

Der Kölner Architekt Prof. Ulrich Coersmeier und sein Frankfurter Kollege, Prof. Alfred Jacoby, erhielten nach einem gewonnenen Wettbewerb im Jahr 2000 den Auftrag, die alte Bausubstanz von 1908 und aus den 50er Jahren zu renovieren und einen Neubau anzuschließen. 2004 wurden die Bauarbeiten beendet. Im Komplex befinden sich heute ein Elternheim, eine zweizügige Grundschule, drei Kindertagesstätten-Gruppen, die Verwaltung und Sozialdienste der Gemeinde, eine Mehrzweckhalle und eine Synagoge. Kindergarten und Grundschule stehen Kindern aller Konfessionen zur Verfügung.

Wer sich heute für die Gebäude interessiert und sie genau mustert und fotografiert, muss sich nicht wundern, wenn er von Sicherheitspersonal angesprochen wird. Offensichtlich hat man Angst vor Anschlägen.

Quellen, Infos und weitere Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdisches_Wohlfahrtszentrum
Ausführlicher Wikipedia-Artikel, hauptsächlich über die Geschichte des israelitischen Asyls und Spitals

http://www.monumente-online.de/07/03/streiflichter/04_Juedisches_Krankenhaus.php
Artikel aus dem Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

http://www.koelnarchitektur.de/pages/de/architekturfuehrer/80.htm
Artikel mit Schwerpunkt auf Architektur

Sehr interessant war außerdem eine Führung durch Ehrenfeld und Neuehrenfeld von Stattreisen Köln, die ich vor einigen Jahren mitgemacht habe: http://www.stattreisen-koeln.de

Der moderne Wohnkomplex auf dem alten Gelände des israelitischen Spitals
Der moderne Wohnkomplex auf dem alten Gelände des israelitischen Spitals

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